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Wahlscheider Kirmes – Eine traditionelle Entwicklungsgeschichte der ursprünglichen Waldscheide zwischen dem Auelgau und dem alten Großherzogtum „derer vom Berg“

von Doris Kyri

Seit wann gibt es eine Kirmes in Wahlscheid? Die Tradition der Kirmes ist so alt wie die Kircheauf dem Berg neben der alten Linde.
Schon im Jahre 1121 findet die Kirche in Wahlscheid. Erwähnung durch Abt Kuno von Siegburg. Ein Kirchweihfest gab es damals natürlich auch schon. Die Kirche war katholisch und dem Schutzheiligen Bartholomäus geweiht, dessen Fest in unseren Breiten am 24. August gefeiert wird. Daher wird die Kirchweih nun schon seit jeher an dem Wochenende im August gefeiert, dessen letzter Montag noch im August ist. Die Kirmes war das Fest des Volkes – die Kirchmesse, auf der Kontakte geknüpft werden konnten, Handel abgeschlossen wurden oder einfach nur mal der Tratsch wieder ausgetauscht wurde. Und natürlich dem guten Bier kräftig zugesprochen wurde.....damals wie heute.

„So alt wie die Kirche in Wahlscheid ist, so alt ist auch die Kirmes....“ Tatsächlich wird unser Ort und seine Kirche „auf dem Berge“ schon zwischen 1080 und 1100 gegründet worden sein. Und bis ins Jahr 1557 war die Bartholomäuskirche fest in katholischer Hand. Erst im Jahre 1645 wurde die Bartholomäuskirch unter Kaplan Nikolaus Kall evangelisch, nachdem die Bevölkerung nach langen Streitigkeiten um die Pastoren kurzerhand den Kirchenschlüssel entwendeten und den amtierenden katholischen Pfarrer Klee verjagten. Der beliebte und schon einmal amtierende (1624) Pastor Johann Hesse wurde dann später von der Gemeinde zurückgeholt und feierlich in sein altes (neues) Amt eingesetzt. Den katholischen Namen „Bartholomäuskirche“ behielt man der Einfachheit halber gleich bei, denn man warden Katholischen ja nicht gram – und was konnte der Heilige denn dafür, dass man Evangelisch werden wollte. Bis heute ist die Gemeinde in Wahlscheid unter evangelischer Leitung. Erst vor kurzen war die 450-Jahr-Feier, in der  betont wurde, dass Wahlscheid nunmehr länger evangelisch als katholisch ist. Punktum !

Die Wahlscheider Kirmes ist nicht nur ein Fest, die Wahlscheider Kirmes ist ein Lebensgefühl, eine Tradition, fast schon ein Familienfest. Seit 1920 wird hier „oben“ in Wahlscheid auf dem alten Kirchplatz unter der 600 Jahre alten Linde nun die Kirchweih gefeiert. Hier traf sich die Jugend zum Schwoof, zu ersten verstohlenen Liebeleien, zum „knutschen“ und Kräftemessen. Hier traf sich der Rest des Dorfes und die Seniorenschaft zum Klääfchen, zum Miteinander und zum Feiern. Für die Wahlscheider ist das Feiern eine ernste Angelegenheit. Ein jeder kann feiern, aber nicht jeder kann eine Feier so schönleben wie die Wahlscheider. Somit ist den Wahlscheidern auch ihre Kirmes (die Kirchweih :KIR (ch) MES (se) sehr wichtig. Zunächst wird der kirchliche Teil der Kirmes in Form eines Moritaten-Gottesdienstes zelebriert. Hier werden in Moritaten (gesungene Geschichte) alte Begebenheiten und Belehrungen an die Festgemeinde weitergegeben und im Rahmen eines Gottesdienstes die Kirmes „geweiht“. Dann wird der Kirmelskerl, der für die Zeit der Feierlichkeiten über dem Kirmesplatz wacht, zu seinem Standort getragen. Aufgrund eines Unfalls in den  20-er Jahren, bei dem ein Schausteller getötet wurde,  ist der weltliche Teil – die Schausteller-Geschäfte – nunmehr auf den Platz vor das Forum ausgelagert worden.

Seit der Zeit um 1946 herum gibt es auch die „Schörreskarrenrennen“. Schubkarren (Schörreskarren) werden von Männern, Frauen, Kindern, Prominenten, Gastwirten in verschiedenen Disziplinen über eine vorher abgegrenzte Rennstrecke auf Zeit gefahren. Heute fährt man auf der Strecke der Wahlscheider Hauptstrasse. Es gab aber früher auch andere „Rennstrecken“, wie z.B. rund um dem Pompejplatz, den Forumsplatz oder um Blumenkübel herum auf der Hauptstrasse. Auch am Aueler Hof war eine der Strecken. Um diese, damals noch sehr schweren, Schörreskarren angemessen zum Rennen zu bringen, wurden sie von je her von den Frauen der Dorfvereine geschickt geschmückt und poliert. Auch dies war eine Art „Wettbewerb“, ging es hierbei doch auch um die Ehre der Vereine. Die Karren waren damals noch unterschiedlich gebaut, hatten verschiedene Formen und Macharten, waren aus leichtem oder sehr schwerem Holz – einfach nicht einheitlich. Als dann in den 70-er Jahren alle Schörreskarren aus der Max-Weber-Halle gestohlen wurden, machten sich Karl Schiffbauer, Günther Maylahn und Helmut Fuhrmann daran, einheitliche und neue Schörreskarren herzustellen, die auf den Rennen gefahren wurden.  Insgesamt acht Karren unterstützen jetzt die Chancengleichheit beim Wettbewerb.

Um diese Wagen an den Start des Rennens zu bringen, ist im Laufe der Jahre der wunderschön-bunte Kirmeszug entstanden. Jeder, der keinen Schörreskarren hatte, schmückte sich halt einen eigenen Wagen. Daraus entwickelten sich mit der Zeit dann bunte Fußgruppen, die ihre kleinen Wagen begleiteten, bis hin zu ebenfalls bunten und geschmückten großen Wagen (wie im Karneval) mit viel Lokalkolorit. Begebenheiten und Persönlichkeiten aus dem Alltagsleben der Wahlscheider werden hier gezielt auf die Schippe genommen, Anekdoten versinnbildlicht und Tratsch in visuelle Form gebracht. Die einzelnen Dorfvereine organisieren damals wie heute die Feierlichkeiten.Die Kirmes wächst nun mit ihren Mitbürgern, mit den alten Geschichten, mit den Bildern im Kopf der Wahlscheider. Auch in diesem Jahr wird wohl der arme Kirmeskerl an allem Schuld sein, was es zu bemängeln gibt auf der Kirmes. Und wird dann unter Schimpf und viel Getöse am Dienstag nach der Kirmes zu Gericht getragen. Natürlich endet es für ihn mit dem Tode, er wird verbrannt..... einen Sündenbock braucht halt jeder und zum Löschen des Kummers (und vielleicht des Kirmeskerls?) gibt es für den Wahlscheider an sich ja schließlich auch traditionsgemäß genügend Bier!
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